Nutzung von Zuckerrüben für biobasierte Rohstoffe und ihre Effekte auf die Nahrungsmittelsicherheit
Die Renewable Carbon Initiative (RCI), eine von Cosun Beet Company mitbegründete Initiative, veröffentlicht neue Erkenntnisse zu einem heiß diskutierten Thema und ruft zu einer Debatte auf der Grundlage sorgfältiger und evidenzbasierter Argumentation auf. In seiner aktuellen Publikation legt die RCI Daten vor, dass die Nutzung von Lebens- und Futtermittelkulturen für andere Zwecke als den Verzehr durch Mensch und Tier – und zwar für biobasierte Chemieprodukte und Rohstoffe – der Ernährungssicherheit nicht entgegensteht und potenziell Vorteile bietet.
2023 steht die Welt vor einer globalen Hungerkrise. Den Angaben des Welternährungsprogramms der UN ist „eine Rekordzahl von 349 Millionen Menschen in 79 Ländern von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen - im Jahr 2021 waren es noch 287 Millionen. Dies bedeutet einen erschreckenden Anstieg um 200 Millionen Menschen im Vergleich zu den Zahlen vor der COVID-19-Pandemie. Mehr als 900.000 Menschen kämpfen weltweit unter hungerähnlichen Bedingungen ums Überleben. Das ist zehnmal mehr als vor fünf Jahren: ein alarmierend schneller Anstieg.“
Aktuelle Debatte über Biomasse subjektiv
Die neue Publikation der RCI möchte aufzeigen, dass die bekannte aktuelle Debatte über Biomasse fehlerhaft, subjektiv und nicht vollständig auf Evidenz basiert - und somit von weitaus größeren Ursachen für den Hunger in der Welt ablenkt. Zu diesen Ursachen zählen größtenteils der Klimawandel, Konflikte, extrem ungleiche Vermögensverteilung, hohe Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten aus den Industrieländern, der Überkonsum an Fleisch, Verluste entlang der Wertschöpfungskette sowie die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie, so das Welternährungsprogramm im Jahr 2023. Der Wettbewerb bei der Nutzung von Biomasse hingegen wurde nicht als relevanter Grund genannt.
Vorteile von Biomasse für industrielle Anwendungen
Die Nutzung von Biomasse – wie z. B. Zuckerrüben – in industriellen Anwendungen besitzt das Potenzial, fossile Rohstoffe zu ersetzen und kann somit einen Beitrag zur dringend benötigten Senkung des Ausstoßes fossiler Kohlenstoffe in unsere Atmosphäre leisten, durch die sich der Klimawandel zumindest verlangsamen lässt. Die Autoren des Papiers argumentieren – ohne die dringende Notwendigkeit, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen, abzustreiten – dass die Nutzung von Lebens- und Futtermittelkulturen für Chemieprodukte und Rohstoffe die Nahrungsmittelunsicherheit nicht zwangsläufig verschärft und tatsächlich ggf. sogar vielfältige Vorteile für die lokale und globale Ernährungssicherheit, den Klimaschutz und andere Faktoren mit sich bringen kann:
- Das Klima gewinnt. Um den Klimawandel zumindest zu verlangsamen, bedarf es der Abkehr von fossilen Rohstoffen. Biobasierte Rohstoffe sind Teil der Lösung und können daher dabei helfen, eine der wichtigsten Ursachen des Hungers in der Welt zu mindern.
- Die landwirtschaftliche Produktivität gewinnt. Beim Wettbewerb zwischen den Anwendungen geht es nicht darum, was angebaut wird, sondern es geht um den Boden selbst. Denn es ist die allgemeine Verfügbarkeit von landwirtschaftlicher Nutzfläche und, somit Nahrung und Futter auf dem Planeten, die bestimmt, was geht und was nicht. Bei langfristiger Optimierung bieten Lebens- und Futtermittelkulturen hohe Erträge und eine Vielzahl an Nebenprodukten, die sich selbst wiederum in vielfältigen Anwendungen nutzen lassen und somit das Beste aus den verfügbaren Nutzflächen machen.
- Die Umwelt gewinnt durch die höhere Effizienz von Ressourcen, die höhere Produktivität von Lebens- und Futtermittelkulturen und den weniger benötigten Flächen; vor allem dann, wenn landwirtschaftliche Praktiken so verbessert werden, dass sie die Gesundheit von Böden und Ökosystemen respektieren.
- Die Landwirte gewinnen, denn es bieten sich ihnen mehr Optionen für den Verkauf von Beständen in verschiedenen Märkten (Ernährung, Futtermittel, Biokraftstoffe, Materialindustrie) und somit eine größere wirtschaftliche Sicherheit. Hierdurch können sich Investitionen in Agrarflächen und, letzten Endes, ihre Verfügbarkeit erhöhen und sich auf diesem Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Raums und zur Erhaltung der Landwirtschaft in der EU beitragen lassen.
- Die Marktstabilität gewinnt durch eine erhöhte globale Verfügbarkeit von Lebens- und Futtermittelkulturen, welche das Risiko von Knappheit und Spekulationsspitzen senkt. Der Einfluss von Biokraftstoffen und biobasierten Materialien auf Nahrungsmittelpreise spielt hingegen kaum eine Rolle.
- Die Futtermittelsicherheit gewinnt wegen des hohen Wertes der proteinreichen Nebenprodukte von Lebens- und Futtermittelkulturen (welche ebenfalls für die Proteinversorgung von Menschen genutzt werden kann).
- Die Nahrungsmittelsicherheit gewinnt wegen der höheren Allgemeinverfügbarkeit an essbaren Pflanzen, die sich lagern und in Krisenzeiten (als Notfallreserve) flexibel verteilen lassen und somit das Risiko von durch den Versorgungszyklus ausgelösten regionalen Hungersituationen tatsächlich verringern.
Keine Einheitslösung
Die Autoren argumentieren, dass: „es beim größeren Bild nicht um die spezifische Frage geht, ob Lebens- oder Nichtlebensmittelkulturen für die Produktion von Material aus Biomasse verwendet werden, sondern vielmehr um die Integration von Rohstoffen für die Produktion von Biomaterial in eine Landschaft und ihre sozialen, ökologischen und preislichen Auswirkungen“ (BFA 2022). Die Wahl des Rohstoffs ist von vielen Faktoren abhängig und standortspezifisch. Somit besteht also auch keine „Einheitslösung“.
Potentiale von Zuckerrüben
Unter den anderen Rohstoffen gehören Zuckerrüben, was ihre Leistung angeht, die Besten ihrer Klasse. Niederländische Zuckerrüben bieten die höchsten Erträge unter vielen verschiedenen Biomassequellen: 164 %, verglichen mit Speisekartoffeln (101 %) und Winterweizen (116 %). Darüber hinaus verwertet Cosun Beet Company die ganze Zuckerrübe restlos. Außer dem Zucker für den direkten Verbrauch in Lebensmitteln stellen wir zudem Bioethanol und Biogas für den Energiesektor und Rohstoffe aus Rübenschnitzeln, wie z. B. nachhaltiges Papier sowie Haushalts- und Körperpflegeprodukte her. Und last, but not least nutzen wir Proteine aus Rübenblättern, die wesentlich zu kalorienreichen veganen Lebensmitteln beitragen.

